Deutschland strebt nach vertieften bilateralen Beziehungen mit Aserbaidschan

Meinung & Analysevor 11 Monat729 Aufrufe

Photo: Press Service of the President of the Republic of Azerbaijan

Die anhaltenden geopolitischen Umbrüche in Europa haben die traditionellen Sicherheitsdynamiken der Region verändert. Nach der wirtschafts- und sicherheitspolitischen Linie der US-Regierung unter Donald Trump gegenüber der Europäischen Union (EU) sahen sich viele EU-Mitgliedsstaaten gezwungen, ihre globalen Strategien und regionalen Partnerschaften neu zu überdenken, schreibt Shahmar Hajiyev, Abteilungsleiter am Zentrum für Analyse internationaler Beziehungen (AIR Center).

Deutschland – das größte Mitgliedsland der EU – verfolgt seither eine aktivere Außenpolitik, um seine internationale Rolle zu stärken und die eigene Sicherheit zu gewährleisten. Im Jahr 2024 erreichten die deutschen Verteidigungsausgaben erstmals das NATO-Ziel von 2 % des BIP; die Militärausgaben überstiegen dabei 69 Milliarden Euro (75,4 Milliarden US-Dollar), wie aus aktuellen Berichten hervorgeht.

In den letzten drei Jahrzehnten haben Deutschland und Aserbaidschan erfolgreich in Bereichen wie Politik, Wirtschaft und Kultur zusammengearbeitet. Aserbaidschan gilt als wichtigster Wirtschaftspartner Deutschlands im Südkaukasus. Der Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 1. April in Baku markierte einen möglichen Wendepunkt in den bilateralen Beziehungen zwischen Berlin und Baku. Während des Besuchs führten Präsident Steinmeier und der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev ein erweitertes Gespräch über zentrale Kooperationsfelder wie Energie, Handel, Transport und grüne Technologien.

Dieser hochrangige Besuch unterstreicht das beiderseitige Engagement zur Vertiefung der Beziehungen in politischen, sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen. Bemerkenswert ist, dass Deutschlands einzige Auslandshandelskammer in der Region in Baku angesiedelt ist – ein weiteres Zeichen für die wirtschaftliche Bedeutung Aserbaidschans für Deutschland. Zudem gehört Aserbaidschan zu den zehn wichtigsten Rohöllieferanten Deutschlands. Deutsche Exporte nach Aserbaidschan umfassen Maschinen, Kraftfahrzeuge und -teile, Eisen- und Stahlprodukte sowie Industrieausrüstungen.

Kulturelle und akademische Zusammenarbeit

Auch abseits des Handels sind die kulturellen und akademischen Beziehungen stark ausgeprägt. In Aserbaidschan gibt es ein Goethe-Zentrum und ein Büro des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Die deutsche Sprache wird an Schulen und Universitäten weit verbreitet unterrichtet und ist nach Englisch und Russisch die dritthäufigste erlernte Fremdsprache. Es bestehen Städtepartnerschaften zwischen Sumgait und Ludwigshafen sowie zwischen Baku und Mainz.

Politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit

Die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Aserbaidschan sind derzeit positiv, bergen jedoch weiteres Kooperationspotenzial, da beide Länder in strategischen Fragen ähnliche Ziele verfolgen. Für Aserbaidschan ist Deutschlands Haltung zur Karabach-Frage von besonderer Bedeutung. Leider war kürzlich eine antia­serbaidschanische Tendenz im deutschen DW-Podcast zu vernehmen. Zudem sah sich Deutschland nach einem umstrittenen Instagram-Beitrag auf dem offiziellen Account von Präsident Steinmeier zu einer Entschuldigung bei Aserbaidschan veranlasst. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Präsident Aliyev erklärte Steinmeier jedoch unmissverständlich: „Wir haben immer gesagt, dass dies [Karabach] Ihr Territorium ist, und heute bekräftigen wir diese Position Deutschlands.“

Im Handelsbereich ist Aserbaidschan Deutschlands wichtigster Partner im Südkaukasus. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern hat sich im Jahr 2024 nahezu verdreifacht. Die deutschen Direktinvestitionen in Aserbaidschans Wirtschaft erreichten 75,3 Millionen US-Dollar – ein Anstieg um das 2,83-Fache gegenüber dem Vorjahr. Deutschlands Anteil an den gesamten ausländischen Direktinvestitionen in Aserbaidschan liegt bei 1,1 %. Nach Angaben des Staatlichen Zollkomitees machte Deutschland zwischen Januar und November 2024 rund 3,3 % des gesamten aserbaidschanischen Außenhandels aus und war somit sechstwichtigster Handelspartner. In diesem Zeitraum belief sich das Handelsvolumen auf 1,4 Milliarden US-Dollar – 52,2 % davon entfielen auf Importe, 47,8 % auf Exporte.

Energiekooperation

Energie bleibt ein zentrales Standbein der Zusammenarbeit. In den ersten zwei Monaten des Jahres 2024 exportierte Aserbaidschan 500.001 Tonnen Öl im Wert von 276,5 Millionen US-Dollar nach Deutschland, womit Deutschland zum zweitgrößten Ölimporteur Aserbaidschans wurde. Aserbaidschan trägt außerdem durch Gaslieferungen über die Trans-Adria-Pipeline (TAP) zur europäischen Energiesicherheit bei. Präsident Steinmeier betonte:

„Im Jahr 2022 spielte Aserbaidschan eine entscheidende Rolle für Deutschland. Als die russischen Gaslieferungen ausblieben, übernahm Aserbaidschan große Verantwortung. Dafür danke ich Ihnen sehr.“

Aserbaidschan plant, die Gasexporte nach Europa bis 2027 auf 20 Milliarden Kubikmeter jährlich zu erhöhen. 2024 wurden bereits 12,9 Milliarden Kubikmeter Gas exportiert – ein Anstieg um 9,3 % gegenüber 2023. Zu den Abnehmern gehören heute unter anderem die Türkei, Georgien, Italien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Serbien, Slowenien und Kroatien.

Der Besuch von Präsident Steinmeier könnte auch Impulse für die grüne Energiekooperation geben. 2024 richtete Aserbaidschan erfolgreich die 29. UN-Klimakonferenz (COP29) in Baku aus und unterstrich damit seinen Anspruch, die Energiewende aktiv mitzugestalten. Das Land hat Kooperationsabkommen mit internationalen Energieunternehmen wie Masdar, ADNOC, ACWA Power, TEPSCO, BP und der China Gezhouba Group abgeschlossen.

Grüne Transformation und Wasserstoff

Deutschland gilt als führend im Bereich der erneuerbaren Energien und könnte eine Schlüsselrolle in Aserbaidschans grüner Transformation spielen. Eines der vielversprechendsten Projekte ist das Black Sea Submarine Cable (BSSC), das von Georgien, Aserbaidschan, Ungarn und Rumänien unterstützt wird und Strom aus dem Südkaukasus nach Südosteuropa transportieren soll. Bulgarien bekundete ebenfalls Interesse an einer Beteiligung.

Ein weiteres mögliches Kooperationsfeld ist grüner Wasserstoff. Deutschland betrachtet Wasserstoff als zentrales Element seiner Energiezukunft und verfolgt eine nationale Wasserstoffstrategie mit Produktionszielen von 5 GW bis 2030 sowie weiteren 5 GW bis 2035–2040. Auch im Rahmen des EU-Aserbaidschan-Energiedialogs spielt Wasserstoff bereits eine Rolle.

Fazit

Der Besuch von Bundespräsident Steinmeier in Aserbaidschan könnte den bilateralen Beziehungen neue Impulse verleihen – insbesondere im Bereich Handel, Energie und Investitionen. Aserbaidschans wachsender Stellenwert als zuverlässiger Energiepartner und logistisches Drehkreuz im Südkaukasus macht das Land zunehmend attraktiv für Deutschland. Gleichzeitig zeigt Deutschlands wachsendes Engagement in der Region, dass Berlin eine stärkere geopolitische Rolle im Südkaukasus und Zentralasien anstrebt.

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