
Der Besuch des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Vietnams, To Lam, in Aserbaidschan ist ein bedeutendes historisches Ereignis – nicht nur, weil es sich um den ersten offiziellen Staatsbesuch eines vietnamesischen Spitzenpolitikers in Aserbaidschan handelt, sondern auch, weil im Rahmen dieses Besuchs eine historische Erklärung zur Aufnahme einer strategischen Partnerschaft zwischen beiden Ländern unterzeichnet wurde. Damit etabliert Aserbaidschan erstmals in seiner Geschichte eine so hochrangige Partnerschaft mit einem südostasiatischen Staat.
Die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Vietnam haben eine lange Tradition. Bereits im Jahr 1959 besuchte der Begründer der Kommunistischen Partei Vietnams, Ho Chi Minh, Aserbaidschan und führte in Baku bedeutende Gespräche. Damals wurde die Vereinbarung getroffen, vietnamesische Studierende an aserbaidschanischen Hochschulen auszubilden. Diese Tradition setzt sich bis heute – trotz politischer Turbulenzen – fort. Hunderte qualifizierte Fachkräfte, die in Aserbaidschan ausgebildet wurden, bekleiden heute in Vietnam verantwortungsvolle Positionen und erinnern sich mit Dankbarkeit an ihre Studienzeit im Land. Diese gemeinsame Basis stärkt die bilateralen Beziehungen und bildet ein solides Fundament für den weiteren Dialog.
Die modernen Beziehungen zwischen Vietnam und Aserbaidschan wurden maßgeblich vom Nationalleader Heydər Əliyev geprägt, der Vietnam im Jahr 1983 als Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU und Erster Stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats der UdSSR offiziell besuchte. Die damaligen Gespräche mit der vietnamesischen Führung ebneten nach der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit Aserbaidschans den Weg für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen beiden Regierungen. Seither kooperieren Vietnam und Aserbaidschan eng auf internationalen Plattformen und setzen sich koordiniert für gemeinsame Interessen ein.
Ein neuer Abschnitt der bilateralen Zusammenarbeit begann mit dem offiziellen Besuch des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Əliyev in Vietnam im Mai 2014. In der Folge intensivierten sich die Kontakte zwischen den politischen Führungsebenen beider Länder erheblich. 2015 stattete der vietnamesische Präsident Aserbaidschan einen Staatsbesuch ab, 2019 folgte der Besuch der vietnamesischen Vizepräsidentin in Baku.
Als Resultat des wachsenden politischen Dialogs unterstützte Vietnam Aserbaidschan aktiv bei der Wahl des Vorsitzes der Bewegung der Blockfreien Staaten. Während des zweiten Karabach-Krieges im Jahr 2020 stellte sich Vietnam vorbehaltlos hinter die aserbaidschanische Position und beteiligte sich mit anderen Ländern daran, eine anti-aserbaidschanische Resolution im UN-Sicherheitsrat zu verhindern, die Baku das Recht auf Wiederherstellung seiner Souveränität und territorialen Integrität abgesprochen hätte.
Heute schlagen beide Seiten ein neues Kapitel ihrer Beziehungen auf – gestützt auf eine bewährte Tradition der Freundschaft und im Bewusstsein der aktuellen geopolitischen Lage. In einer Phase der Erosion der internationalen Ordnung verfolgen Baku und Hanoi eine ähnlich ausgerichtete außenpolitische Linie: Sie streben strategische Distanz zu den Machtzentren der Welt an, setzen auf Interessenausgleich und Eigenständigkeit in regionalen und globalen Angelegenheiten. Beide Länder engagieren sich für die Stärkung asiatischer Sicherheitsarchitekturen in ihren jeweiligen Regionen – auf Grundlage des Völkerrechts, insbesondere der UN-Charta und anderer internationaler Regelwerke.
Die im Rahmen des Besuchs unterzeichneten Vereinbarungen eröffnen neue Kooperationsfelder. Insgesamt wurden 11 Abkommen und Memoranden abgeschlossen, die die Zusammenarbeit unter anderem in den Bereichen Energie, Landwirtschaft, Hochtechnologie und Verteidigungsindustrie fördern sollen. Beide Seiten vereinbarten, in naher Zukunft eine gemeinsame Regierungskommission einzuberufen, um eine „Roadmap“ für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu entwickeln.
Sowohl Aserbaidschan als auch Vietnam zählen zu den wirtschaftlich dynamischsten Ländern ihrer Regionen. Der Austausch von Know-how und Technologien trägt zur Annäherung ihrer Entwicklungsniveaus bei. Besonders vielversprechend ist die Zusammenarbeit im Verteidigungssektor, der in beiden Ländern stark im Aufschwung ist.
Die Energiebranche gilt in beiden Staaten als treibende Kraft der Wirtschaft. Aufgrund der Herausforderungen bei der Offshore-Förderung von Erdöl in Vietnam kommt es jedoch immer wieder zu Engpässen in der Versorgung. Vietnam hat der staatlichen aserbaidschanischen Ölgesellschaft SOCAR daher die Beteiligung an der Erschließung neuer Öl- und Gasfelder angeboten – ein potenziell zukunftsweisendes Projekt der bilateralen Zusammenarbeit.
Die Voraussetzungen für eine enge Partnerschaft sind geschaffen. In den kommenden Jahren ist mit einer weiteren Dynamisierung der aserbaidschanisch-vietnamesischen Beziehungen zu rechnen – zum Nutzen beider Staaten und darüber hinaus auch ihrer jeweiligen Regionen.






